Migräne

Was ist Migräne?

Migräne gehört zu den drei häufigsten Erkrankungen weltweit.1 Dabei ist Migräne weit mehr als nur „schlimme Kopfschmerzen“. Denn Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die den Alltag und die Lebensqualität von Betroffenen stark beeinträchtigt. Betroffene beschreiben die wiederkehrenden Attacken mit moderaten bis schweren, typischerweise pulsierenden Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen geht der Migräneattacke eine sogenannte Aura voraus. Diese kann sich durch verschiedene Seh-, Gefühls- oder Sprachstörungen, sowie Störungen im Bewegungsablauf auszeichnen.2

 

Migräne zählt zu den primären Kopfschmerzformen

Die Migräne zählt zu den primären Kopfschmerzformen – primär, da die Kopfschmerzen auf keine andere Grunderkrankung zurückzuführen sind.

Neben der Migräne gibt es noch drei weitere primäre Kopfschmerzformen: Spannungskopfschmerzen, Trigeminoautonome Kopfschmerzen und andere primäre Kopfschmerzen.5 Wie die Migräne sind auch diese anderen Formen mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden. Spannungskopfschmerz und Migräne treten dabei in der Bevölkerung am häufigsten auf.4 In der folgenden Tabelle haben wir die Unterschiede zwischen Migräne und Spannungskopfschmerzen für Sie zusammengefasst.5

Migräne5 Spannungskopfschmerz5
Wo treten die Schmerzen auf? meistens einseitig beidseitig
Wie äußern sich die Schmerzen?
  • allmähliches Einsetzen mit zunehmender Intensität
  • pulsierend
  • mittlere bis hohe Intensität
  • Verstärkung durch körperliche Aktivität und Alltagstätigkeiten
  • Druck- oder Engegefühl, nicht pulsierend
  • leichte bis mittlere Schmerzintensität
  • Besserung durch Bewegung an der frischen Luft
Wie lange dauern die Schmerzen? 4 bis 72 Stunden 30 Minuten bis 7 Tage
Welche Begleitsymptome treten häufig auf?
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Lichtempfindlichkeit (Photophobie), Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie)
  • Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen
  • Aura (Seh-, Sprach- und Gefühlsstörungen, Störungen im Bewegungsablauf)
keine

Symptome und Verlauf einer Migräneattacke

Eine Migräneattacke ist ein komplexes Ereignis, das Stunden oder Tage andauern kann. Die Kopfschmerzen selbst sind nur ein Teil davon. Eine Migräneattacke läuft in vier aufeinanderfolgenden Phasen ab,2 die mit ganz verschiedenen Symptomen einhergehen können. Nicht jede Migräneattacke läuft bei jedem gleich ab und kann sich im Verlauf auch von Mal zu Mal unterscheiden.

Die vier Phasen einer Migräneattacke mit typischen Symptomen:13

Prodromale Phase2

In der prodromalen Phase treten verschiedene Symptome auf, die einer Migräneattacke vorausgehen können. Dazu gehören

  • Stimmungsschwankungen
  • Hyperaktivität oder Antriebslosigkeit,
  • Gereiztheit,
  • Erschöpfung,
  • Heißhunger,
  • wiederholtes Gähnen sowie
  • Nackensteifigkeit und
  • Geräuschempfindlichkeit.

Diese Symptome können mehrere Stunden bis Tage vor dem Einsetzen der Aura oder der Kopfschmerzen auftreten und bis in diese Phasen hinein andauern.

Auraphase2,5

Bei einem Drittel der Betroffenen tritt eine Migräne mit Aura auf. Dabei können sich ganz unterschiedliche Symptome zeigen. Am häufigsten treten Sehstörungen auf, z. B.:

  • Flimmern,
  • Zickzacklinien,
  • Lichtblitze,
  • Flecken oder
  • verschwommenes Sehen oder
  • Einschränkungen des Blickfeldes.

Es können aber auch Gefühls- oder Sprachstörungen und Störungen im Bewegungsablauf auftreten. Die Aura selbst hält bei den meisten Betroffenen zwischen 5 Minuten und einer Stunde an, danach klingt sie vollständig ab. In seltenen Fällen dauert die Aura länger als eine Stunde.

Kopfschmerzphase5

Die eigentliche Kopfschmerzphase zeichnet sich durch Kopfschmerzen aus, die

  • oft nur einseitig sind, jedoch von einer zur anderen Seite wechseln oder sich auf beide Seiten ausbreiten können,
  • meist von pulsierender Art und von mittlerer bis hoher Intensität sind und
  • bei körperlicher Aktivität zunehmen.

Die Schmerzen können 4 bis 72 Stunden andauern und sind häufig begleitet von

  • Übelkeit,
  • Lichtempfindlichkeit und
  • Geräuschempfindlichkeit.
Postdromale Phase2

Diese Phase folgt direkt auf die Kopfschmerzphase. Sie kann ebenfalls Stunden bis Tage andauern und mit ähnlichen Symptomen wie die Vorbotenphase einhergehen. Dazu können

  • Erschöpfung,
  • Depression,
  • Konzentrationsschwäche und
  • Nackensteifigkeit gehören.

Migräneattacken treten meist zunächst nur an einigen Tagen im Monat auf (episodische Migräne), können aber über die Zeit an Häufigkeit zunehmen. Treten Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat (wovon 8 Tage die typischen Migräne-Charakteristika erfüllen) über mehr als drei Monate auf, spricht man von einer chronischen Migräne.5

Häufigkeit und Ursachen

Migräne zählt zu den häufigsten Krankheiten weltweit.

  • Allein in Deutschland sind rund 8 bis 12 Millionen Menschen davon betroffen.8
  • Dabei ist das Migränerisiko bei Frauen vor den Wechseljahren etwa dreimal so hoch wie bei Männern.6
  • Bei den meisten tritt die Migräne zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr auf, sie kann aber auch schon im Kindes- und Jugendalter beginnen.6

Die Ursache der Migräne und was genau während einer Migräneattacke im Gehirn passiert, ist noch nicht vollständig erforscht. Bei vielen Betroffenen gibt es jedoch bestimmte Faktoren, die eine Migräneattacke begünstigen können. Diese sogenannten Trigger sind ganz individuell. Selten ist es immer der gleiche Trigger, der eine Migräne fördert. Manchmal können auch mehrere Trigger zusammenkommen, bis es zu einer Attacke kommt.9

In der folgenden Tabelle sind mögliche Trigger aufgeführt:9,10

Innere Trigger Äußere Trigger
  • hormonelle Schwankungen (beispielsweise im Rahmen des Menstruationszyklus)
  • Stress oder Stressabfall
  • Veränderungen im Schlaf-Wachrhythmus (Schlafmangel oder auch langes Ausschlafen)
  • bestimmte Arzneimittel
  • Wetterumschwünge
  • grelles (Sonnen-)Licht, laute Geräusche, intensive Gerüche
  • bestimmte Lebensmittel, wie Käse, Schokolade, salzige oder verarbeitete Lebensmittel und Lebensmittelzusatzstoffe
  • Getränke (zum Beispiel Wein oder Kaffee)

Wie wird Migräne diagnostiziert?

Einen eindeutigen Test, zum Beispiel einen Bluttest, mit dem eine Migräne festgestellt werden kann, gibt es nicht. Die Diagnose beruht auf der Krankengeschichte eines Betroffenen und dem Ausschluss anderer möglicher Erkrankungen. Für den Arzt ist deshalb das Patientengespräch besonders wichtig. Er fragt dabei unter anderem nach den (begleitenden) Symptomen, der Schwere und Häufigkeit der Attacken sowie dem Gebrauch von Medikamenten.6 Eine wichtige Information ist auch, ob es in Ihrer Familie bekannte Fälle von Migräne gibt.

Weiterführende Verfahren, wie eine Computertomographie, Kernspintomographie oder ein Elektroenzephalogramm wird Ihr Arzt nur in Einzelfällen durchführen, wenn der begründete Verdacht besteht, dass Ihre Symptome eine andere Ursache haben könnten.6

Wie wird Migräne behandelt?

Nicht-medikamentöse Therapie der Migräne

Die nicht-medikamentöse Therapie der Migräne ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Vielen Betroffenen können nicht-medikamentöse Verfahren helfen, die Häufigkeit von Migräneattacken und den Medikamentenbedarf zu senken.6 Nicht-medikamentöse Verfahren werden also hauptsächlich eingesetzt, um Migräneattacken vorzubeugen und weniger zur Behandlung einer akuten Attacke.

Als wirksam haben sich die folgenden Strategien erwiesen:7

  • Patientenberatung
    Es ist wichtig, dass Betroffene über ihre Erkrankung informiert sind. Es hat sich gezeigt, dass bereits eine Beratung zur Migräne bei Erwachsenen und auch bei Kindern zu einem messbaren Rückgang der Häufigkeit von Kopfschmerzen führen kann. Dabei spielt das Erkennen von Triggern und eine Verbesserung des Schlafverhaltens eine wichtige Rolle.
  • Entspannungstherapie
    Verschiedene Entspannungstherapien haben sich bei Migräne als effektiv und nachhaltig wirksam gezeigt. Regelmäßig angewendet, können sie dabei helfen, die zentrale Schmerzverarbeitung zu senken und schmerzhemmende Bereiche im Gehirn zu aktivieren. Eine der bekanntesten Strategien ist die Progressive Muskelentspannung. Dabei werden verschiedene Muskelgruppen zunächst angespannt und danach bewusst entspannt.
  • Kognitive Verhaltenstherapie
    Die kognitive Verhaltenstherapie soll Betroffene dabei unterstützen, ihre persönlichen Stressfaktoren zu erkennen und diesen gezielt entgegenzuwirken. Ziel ist ein flexiblerer und effektiverer Umgang mit Stressereignissen und Schmerzen.
  • Biofeedbackverfahren
    Mithilfe von Biofeedbackverfahren können Betroffene lernen, für gewöhnlich unbewusste Vorgänge im Körper aktiv zu steuern, wie beispielsweise die Durchblutung des Gehirns oder die Muskelspannung. Dadurch kann es gelingen, bestimmte Körperfunktionen willentlich zu kontrollieren.
  • Ausdauertraining
    Regelmäßige körperliche Aktivität, wie Ausdauersport oder Bewegungstherapie, kann dazu beitragen die Symptome der Migräne zu mindern.

Medikamentöse Therapie der Migräne

In der Regel benötigen Betroffene zusätzlich zu nicht-medikamentösen Therapieformen eine Behandlung mit Medikamenten. Dabei wird zwischen der Akutmedikation der Migräne und der Migräne-Prophylaxe unterschieden.

Akutmedikation

Während einer Migräneattacke wünschen sich viele Betroffene eine schnelle Linderung der Schmerzen. Zur Behandlung einer akuten Attacke können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, dazu zählen:6

  • Acetylsalicylsäure (Aspirin)
  • Ibuprofen
  • Paracetamol und
  • verschiedene Triptane

Viele Betroffene nehmen zusätzlich Medikamente gegen Übelkeit ein.

Migräne-Prophylaxe

Medikamentöse Maßnahmen zur Prophylaxe einer Migräne haben das Ziel, die Häufigkeit, Dauer und Schwere der Attacken zu reduzieren.6 Jedoch wirken prophylaktische Maßnahmen nicht sofort, sondern erfordern Geduld. Medikamentöse Maßnahmen zur Prophylaxe einer Migräne werden allerdings nicht für alle Betroffenen empfohlen. Sie eignen sich,

  • wenn Attacken als unerträglich empfunden werden und die Lebensqualität besonders eingeschränkt wird,
  • wenn eine Akutbehandlung bei den Betroffenen starke Nebenwirkungen verursacht oder nicht ausreichend anschlägt und
  • wenn ein hohes Risiko für einen Medikamentenübergebrauch besteht.11

Bei der Migräneprophylaxe kommen bisher ganz verschiedene Gruppen von Medikamenten zum Einsatz. Die meisten dieser Medikamente wurden ursprünglich zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt. Dazu gehören

  • Betablocker,
  • Kalzium-Antagonisten,
  • Antikonvulsiva,
  • Antidepressiva und
  • Botulinumtoxin. 11

Seit Kurzem gibt es eine weitere Klasse von Medikamenten zur Migräne-Prophylaxe, die eigens für diesen Zweck erforscht und entwickelt wurden. Dabei handelt es sich um spezielle Antikörper gegen einen Botenstoff in unseren Nerven, das CGRP (Calcitonin Gene-Related-Peptide) oder gegen seinen Rezeptor.12

CGRP spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne. Während einer Migräneattacke wird es in bestimmten Nerven freigesetzt. Das führt zur Aktivierung von Signalwegen im Gehirn, was als Schmerz wahrgenommen wird.12.

Die Antikörper blockieren CGRP selbst oder seinen Rezeptor und verhindern so die Aktivierung dieser Signalwege und damit die Schmerzwahrnehmung.12

Mithilfe einer individuellen Migräne-Prophylaxe lässt sich die Häufigkeit von Attacken möglicherweise reduzieren. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob und wenn ja welche Art der Prophylaxe für Sie am besten geeignet ist.

Was Sie selbst tun können – fünf Tipps für Betroffene6

  1. Planen Sie Ihren Tagesablauf und sagen Sie auch mal „nein“. Überlegen Sie sich, was Sie am Tag schaffen können und nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Was Sie heute nicht erledigen können, kann auch auf morgen warten. Bereiten Sie auch Urlaube und Unternehmungen gut vor, so kommen Sie nicht kurz vorher in Stress und können Geplantes mehr genießen.6
  2. Auch wenn es schwerfällt: Behalten Sie auch am Wochenende oder an freien Tagen Ihren Schlaf-Wachrhythmus bei. Denn langes Ausschlafen kann eine Attacke begünstigen.6
  3. Achten Sie auf ausreichend Bewegung. Genießen Sie die frische Luft bei einem ausgiebigen Spaziergang. Oder wer es etwas intensiver mag, für den sind Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren besonders geeignet.6
  4. Wenn Sie wissen welche Trigger bei Ihnen die Attacken begünstigen, versuchen Sie diese zu vermeiden. Ist zum Beispiel die Schokolade ein Auslöser, so greifen Sie lieber zu Gummibärchen oder zu einer gesunden Alternative, wenn Sie der Hunger zwischendurch gepackt hat6.
  5. Setzen Sie sich nicht unnötig starken Temperaturschwankungen aus, wie beispielsweise bei einem Saunabesuch.6

 

Bildhinweise

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Referenzen

  1. Steiner TJ, Stovner LJ, et al. Migraine: the seventh disabler. The Journal of Headache and Pain 2013, 41(1).
  2. Goadsby PJ, Holland PR, et al. Pathophysiology of migraine: A disorder of sensory processing. Physiol Rev. 2017;97:553-622. doi:10.1152/physrev.00034.2015.
  3. Headache disorders. Weltgesundheitsorganisation (WHO). http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs277/en/. [Aktualisiert im April 2016. Abgerufen am 07.01.2019].
  4. WHO, Altas of Headache disorders and Resources in the World 2011.
  5. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS). The international classification of headache disorders . 3. Auflage. Cephalalgia. 2018;38(1):1-211
  6. DMKG Migräneinfo. http://dmkg.de/files/dmkg.de/patienten/Download/migraeneinfo.pdf [Stand: Juni 2005, abgerufen am 07.01.2019].
  7. Kropp P, Meyer B, et al. DMKG Leitlinie: Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne (2016).
  8. Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. Online-Broschüre Migräne. http://www.dmkg.de/patienten/antworten-auf-die-wichtigsten-fragen-rund-um-den-kopfschmerz-onlinebroschuere/online_broschuere_migraene.html [abgerufen am 07.01.2019].
  9. Rothrock JF. Headache toolbox: The truth about triggers. Headache. 2008;499-500. doi:10.1111/j.1526-4610.2007.01050.x.
  10. Migraine: Symptoms and causes. Mayo Clinic. https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/migraine-headache/symptoms-causes/syc-20360201. [Abgerufen am 07.01.2019].
  11. Diener HC, Gaul C, et al. DGN/DMKG Leitlinie: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne – Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (2018).
  12. Edvinsson L, Haanes KA, et al. CGRP as the target of new migraine therapies - successful translation from bench to clinic. Nat Rev Neurol. 2018 Jun; 14(6):338-350.
  13. Gaul et al. Kopfschmerzen: Pathophysiologie - Klinik - Diagnostik – Therapie. Thieme 2016.